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Gedenkfeier in Lübeck würdigt britisch-deutsche Versöhnung

Rede von Botschafter McDonald bei Gedenkfeier des Schleswig-Holsteinischen Landtages zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges

St. Marien Lübeck, 4. Mai 2015

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident Schlie,

Sehr geehrter Herr Saxe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung nach Lübeck und die Gelegenheit, hier zu sprechen. Es ist eine Ehre, zusammen mit Ihnen an das Ende des Zweiten Weltkriegs zu erinnern.

Heute vor 70 Jahren unterschrieb Generaladmiral von Friedeburg die Kapitulation der Wehrmacht in Nordwestdeutschland im britischen Hauptquartier bei Lüneburg. Dies war mehr als eine Unterschrift. Es war das Ende des Krieges in Schleswig-Holstein und der Sieg von Freiheit und Frieden über Diktatur und Völkermord. Vor und nach dem 4. Mai 1945 erreichten britische Truppen Kiel, Lübeck und Flensburg. Die deutsche Kapitulation führte dazu, dass diese Städte mehr oder weniger kampflos übergeben wurden – im Unterschied zu vielen anderen Städten.

Und tatsächlich zeigte sich besonders in den letzten Kriegswochen in Schleswig-Holstein noch einmal die unglaubliche Gewaltherrschaft, Brutalität und auch Absurdität des nationalsozialistischen Deutschland. Zum Beispiel die furchtbaren Todesmärsche von KZ-Häftlingen von unter anderem Auschwitz, Neuengamme und Stutthof nach Schleswig-Holstein. Oder das Arbeitserziehungslager Nordmark am Stadtrand von Kiel, in dem allein in den letzten Monaten durch Massenexekutionen 600 Häftlinge ermordet wurden. Und natürlich die brutalen Strafaktionen der NS-Militärjustiz gegen „fahnenflüchtige“ einfache Soldaten - während Anfang Mai in Flensburg die Spitzen der SS, Gestapo und der Konzentrationslager ihre eigene Flucht planten und Identitäten wechselten.

Die Befreiung Schleswig-Holsteins von einer der schlimmsten Gewaltherrschaften aller Zeiten wurde mit einem furchtbaren Preis an Todesopfern und Zerstörung errungen. Zwischen 1940 und 1945 hat die Royal Air Force Kiel fast hundertmal angegriffen, zuletzt Stunden vor der Kapitulation. Die versehentlichen Luftangriffe auf Schiffe mit tausenden KZ-Häftlingen in der Lübecker Bucht waren eine außerordentliche Katastrophe. Und gerade hier in St. Marien denken wir auch an den Luftangriff auf Lübeck im März 1942, der die Kirche und große Teile der Innenstadt zerstörte.

Mehr als 70 Jahre später können wir uns das Ausmaß dieses Krieges und das Ausmaß des Nazi-Terrors nicht wirklich vorstellen, trotz der Zeitzeugenberichte und Fotos. Wir können uns nicht wirklich vorstellen, mit welchen Gefühlen die Menschen in Schleswig-Holstein und ihre britischen Befreier den 4. Mai 1945 erlebt haben. Und wir können uns nicht wirklich vorstellen, dass unsere beiden Länder verfeindet waren. Denn Deutschland und Großbritannien, und gerade Schleswig-Holstein und Großbritannien, teilen eine lange Geschichte.

Diese beginnt bereits im 5. und 6. Jahrhundert. Es waren germanische Volksstämme aus Schleswig-Holstein, die das spätere England bildeten. Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen siedelten damals von Norddeutschland nach England. Ihr sprachlicher, religiöser, kultureller und politischer Einfluss hat Großbritannien über Jahrhunderte geprägt. Seit dem achten Jahrhundert benutzte man auf dem Festland den Begriff „angelsächsisch“, um die Sachsen in Großbritannien von denen in Norddeutschland zu unterscheiden. Nach der normannischen Eroberung im elften Jahrhundert kamen französische Einflüsse in die englische Sprache, später andere. Doch die meisten Wörter, die wir häufig benutzen, haben germanische Wurzeln.

Im Mittelalter trug dann die Hanse erheblich zum Ausbau der deutsch-britischen Verbindungen bei. Die Gründung Lübecks 1143 war entscheidend für ihren Aufstieg im zwölften Jahrhundert. Im 13. Jahrhundert wurde der Rat von Lübeck als höchste Rechtsinstanz anerkannt, und die Stadt zur “Königin der Hanse”.

Schon im 13. Jahrhundert erlaubte Henry III Lübeck, Hamburg und Köln, Handelsbeziehungen mit England aufzubauen. Der Niederlassung der Hansekaufleute in London wurde Handelsfreiheit und Befreiung von Wegzoll garantiert. Sie wurde als „steelyard“ oder „Stahlhof“ bekannt und befand sich am Nordufer der Themse, auf dem heutigen Gelände des Bahnhofs Cannon Street. 2005 enthüllten dort der Herzog von Kent und der deutsche Botschafter eine Gedenkplakette. Sie erinnert an, ich zitiere, „600 Jahre, in denen etwa 400 Hansekaufleute friedlich eine selbst-verwaltende Enklave in der City of London bewohnten“.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet dann die Schleswig-Holstein-Frage zu einem entscheidenden politischen Problem in Europa. Sie war eine verzwickte Auseinandersetzung zwischen Dänemark, Preußen und Österreich über die Kontrolle von Schleswig und Holstein, die sich nach dem Tod von König Christian dem Achten von Dänemark verschärfte. Das Resultat waren zwei Kriege.

Der britische Premierminister Lord Palmerston soll damals gesagt haben: „Die Schleswig-Holsteinische Frage haben überhaupt nur drei Menschen verstanden. Der Prinzgemahl Albert, aber der ist tot. Ein deutscher Professor, aber der ist darüber verrückt geworden. Und ich. Aber ich habe alles vergessen.“

Die Briten hatten zur Lebenszeit Palmerstons ein positives Bild von Deutschland. Es war das Land der Dichter, Denker und Musiker. Immer mehr Briten entdeckten Kontinentaleuropa auf ihrer Bildungsreise, der „Grand Tour“. Thomas Cook organisierte Reisen ins Rheinland. Turner hielt die Landschaften auf seinen Gemälden fest. Während der Herrschaft von Kaiser Wilhelm dem Zweiten wendete sich das Blatt. Aus Freundschaft wurde offene Konkurrenz. Und im Ersten Weltkrieg standen sich Großbritannien und Deutschland dann als Feinde gegenüber.

Keiner hat es geschafft, Lehren aus diesen furchtbaren Jahren von 1914-1918 zu ziehen. Der Zweite Weltkrieg war noch viel furchtbarer - aber Großbritannien, Deutschland und ihre europäischen und amerikanischen Partner haben kollektiv Lehren daraus gezogen.

Ein von der britischen Regierung verfasstes Büchlein, das 1944 jedem der nach Deutschland aufbrechenden 400.000 britischen Soldaten mitgegeben wurde, zeigt das sehr deutlich. Es hieß „Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland” und warnte: „Die Geschichte der vergangenen Jahre darf sich nicht wiederholen”. 1944 stand das Ende von Nazi-Deutschland bevor und es war absehbar, dass die Soldaten als Besatzungsmacht bleiben würden. Das Buch sollte ihnen deshalb einen Überblick zu deutscher Geschichte, Kultur, Politik und Verhaltensweisen geben.

Der „Leitfaden“ wurde letztes Jahr in Deutschland neu veröffentlicht und zum Überraschungserfolg. Heute steht er immer noch auf Platz 10 der Sachbuch-Bestsellerliste. Die Soldaten wurden darauf vorbereitet, (ich zitiere) auf eine „Bevölkerung zu treffen, die hungrig, erschöpft und am Rand der Verzweiflung ist”. Sie wurden aber vor „Nachgiebigkeit oder Sentimentalität” sowie „Propaganda in Form von Unglücksgeschichten” gewarnt. Denn, so der Leitfaden, „das deutsche Volk als Ganzes kann sich einem Großteil der Verantwortung nicht entziehen”.

Die Beschreibung vermeintlich deutscher Eigenschaften ist zum Teil unfreiwillig komisch und bestätigt einige damalige britische Vorurteile. „Die Deutschen“, heißt es zum Beispiel, „wissen nicht, wie man Tee zubereitet, aber sie verstehen durchaus etwas von Kaffee“. Aber eine zentrale Botschaft dieser schon 1944 verfassten Broschüre war die Notwendigkeit einer Partnerschaft mit Deutschland. Es war klar, das wir für ein friedliches Europa Deutschland als ebenbürtigen Partner – und nicht als Vasall – brauchten.

Die britischen Soldaten wurden deshalb angewiesen, „fair und gerecht” aufzutreten, da es gut für die Deutschen sei, wenn (ich zitiere) „sie sehen, dass Soldaten der britischen Demokratie gelassen und selbstbewusst sind, dass sie im Umgang mit einer besiegten Nation streng, aber zugleich auch fair und anständig sein können. Die Deutschen müssen selber fair und anständig werden, wenn wir später mit Ihnen in Frieden leben wollen”.

Eine der schönsten Geschichten, die ich in meinen vier Jahren in Deutschland gehört habe, stammt von einem pensionierten deutschen Diplomaten. Er erzählte mir, dass er in den letzten Kriegsmonaten wie so viele andere Deutsche aus Ostpreußen nach Westen floh, zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder. Als er seine Mutter fragte, wohin sie fliehen würde sagte sie: „Natürlich nach Schleswig-Holstein, denn die Briten werden das Land kontrollieren - und sie sind unserer anständigster Feind“.

Die Nachkriegsjahre gaben ihr Recht. Ganz im Sinne des Leitfadens half die britische Militärregierung der Besatzungszone Schleswig-Holstein wieder auf die Beine. Sie half maßgeblich beim Aufbau demokratischer politischer Strukturen: bereits im Februar 1946 wurde im Kieler Schauspielhaus ein von der Militärregierung ernannter Landtag eingesetzt. Der britische Zivilgouverneur von Schleswig-Holstein, Hugh de Crespigny, beaufsichtigte die Ausarbeitung einer Landesverfassung durch Hermann von Mangold, die im Juni 1946 verabschiedet wurde.

Im August 1946 schuf die britische Verordnung Nummer 46 aus der gleichnamigen Provinz schließlich das selbständige Land Schleswig-Holstein. Die britische Militärregierung half ebenso bei der Auswahl demokratiefähiger deutscher Politiker. Im August 1946 ernannte De Crespigny Theodor Steltzer zum Ministerpräsident, der während des Krieges Angehöriger des Kreisauer Kreises war.

Die großen Herausforderungen in der Nachkriegszeit wie die Wohnungsnot oder die Integration der vielen Flüchtlinge führten natürlich auch in Schleswig-Holstein zu manchen Differenzen zwischen den britischen Besatzern und schleswig-holsteinischen Politkern. Und doch knüpfte Großbritannien und Schleswig-Holstein relativ schnell wieder an die engen Verbindungen an, die schon lange vor den beiden Weltkriegen bestanden.

70 Jahre nach dem Ende des Krieges in Schleswig-Holstein können wir deshalb auch feiern, was wir seit dem 4. Mai 1945 gemeinsam erreicht haben: Versöhnung und Freundschaft zwischen Großbritannien und Deutschland; Frieden, Freiheit und Wohlstand in Westeuropa. Wir sind nicht nur ebenbürtige Partner, sondern dauerhafte Freunde geworden.

Nicht nur zwischen unserer Politikern, sondern auch und gerade zwischen unseren Gesellschaften, Sportvereinen, Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen bestehen enge Kontakte. So hat es mich zum Beispiel gefreut zu hören, dass im letzten Jahr in Lübeck der 34. Hansetag stattfand, mit 500.000 Besuchern und Delegationen aus England und Schottland. Das ist nur ein Beispiel unserer zahlreichen Kontakte. Lassen wir uns heute von diesen und anderen unserer jahrhundertehalten Verbindungen inspirieren, damit sich die Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr wiederholen.

Vielen Dank.