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Großbritannien Partnerland des Deutschen Historikertages 2014

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Grußwort des britischen Botschafters Sir Simon McDonald anlässlich der Festveranstaltung zum 50. Deutschen Historikertag in Göttingen

Am 23. September 2014 wurde der 50. Deutsche Historikertag an der Universität Göttingen eröffnet. Bundespräsident Gauck hielt die Festrede, Botschafter Sir Simon McDonald sprach das folgende Grußwort:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, Sehr geehrter Herr Professor Lossau, Sehr geehrter Herr Professor Schulze-Wessel, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass Großbritannien Partnerland des Deutschen Historikertages ist, und beglückwünsche Sie zum 50. Jubiläum. Es passt hervorragend: 2014 ist ein besonderes Jahr und die Universität Göttingen ein besonderer Ort der deutsch-britischen Beziehungen.

Ich weiß, dass Historiker die Fixierung auf einzelne Daten skeptisch sehen und sich stattdessen auf Prozesse konzentrieren. Ich will trotzdem zwei wichtige Jahrestage ansprechen: sie zeigen die Extreme, in denen sich die deutsch-britische Geschichte bewegt. Und sie zeigen, wie schnell sich Gewissheiten verändern können.

Erstens der Beginn der Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover vor 300 Jahren.

Sie war eine Periode tiefer Verflechtung zwischen Großbritannien und Deutschland. Die Personalunion verband das Königreich Großbritannien und das Haus der Welfen 123 Jahre lang und brachte uns fünf britische Könige aus Hannover. Sie führte zu einem fruchtbaren Austausch zwischen unseren Ländern: in der Politik, Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft.

Einige Beispiele: die Universität Göttingen, die von King George II gegründet wurde. Georg Friedrich Händel, der lange Zeit in London lebte und britischer Staatsbürger wurde. Carl Wilhelm – oder Sir William – Siemens, der in Göttingen studierte, Siemens in Großbritannien aufbaute und einer der wichtigsten Personen der Industrialisierung wurde. Ein einfaches, aber nicht weniger wichtiges Beispiel: der Einfluss des englischen Gartenstils in Deutschland.

Auch nach dem Ende der Personalunion blieben die Verbindungen zwischen Großbritannien und Deutschland eng. Und trotzdem waren unsere beiden Länder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Krieg. Damit komme ich zum zweiten Jahrestag, den ich ansprechen will: der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

Meine Vorgänger in Berlin konnten sich wegen der erwähnten Verbindungen vor 1914 nicht vorstellen, wenig später im Krieg zu sein. Das wunderbare Buch „1913“ von Florian Illies beschreibt das lebhafte Gesellschaftsleben in diesem - wie es heißt - „gesegneten Sommer“ ein Jahr vor dem Krieg.

In nur sechs Wochen ist im Sommer 1914 alles schiefgegangen. Die furchtbaren Ereignisse zwischen 1914 und –45 prägen heute unsere Länder, Politiker und Diplomaten. Wir haben natürlich unterschiedliche nationale Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg. Hinsichtlich der wichtigsten Lehre sind wir uns aber einig: der Krieg zeigt, wie schnell aus Freunden Feinde werden können. Wir dürfen nicht selbstzufrieden und müssen wachsam sein. Frieden erfordert ständige Arbeit und darf nicht für selbstverständlich gehalten werden.

Ich denke aber, dass wir als Europäer optimistisch sein dürfen. Damals eskalierten Probleme zwischen den politischen Eliten schnell. Ich behaupte, dass dies heute zumindest in Westeuropa nicht so einfach möglich wäre. Das hat viele Gründe: Unsere politischen Strukturen zur Streitschlichtung. Der Handel, der allein zwischen Großbritannien und Deutschland so umfassend ist wie nie zuvor. Neue Technologien, die unsere Gesellschaften offener machen. Der Austausch zwischen den Menschen – der Historikertag und seine vielen Referenten aus mehr als zwanzig Ländern ist ein hervorragendes Beispiel. Großbritannien und Deutschland haben längst wieder an die mehr als Tausend Jahre lange gemeinsame Geschichte angeknüpft.

Nationen und nationale Identität ist natürlich ein hochaktuelles Thema. Das Schottland-Referendum hat gezeigt, wie es demokratisch verhandelt und abgestimmt werden kann. Aber das wichtige ist, dass im 21. Jahrhundert kein Platz sein sollte für feindseligen Nationalismus; unsere Nationen müssen ihre Differenzen friedlich beilegen.

In West- und Mitteleuropa scheinen wir diese Lektion des Ersten Weltkriegs gelernt zu haben. Die Ereignisse in der Ukraine zeigen, dass dies nicht für den ganzen Kontinent gilt. Die historische Aufarbeitung und die öffentliche Erinnerung sind deshalb wichtig, um die Kriege zu verstehen und ihre Lehre an künftige Generationen weiterzutragen.

Es war ein Schotte, der Journalist Henry Crabb Robinson, der nach einem Besuch der Universität Göttingen 1801 an seinen Bruder schrieb: „Die deutschen Universitäten sind nicht, wie die englischen, Orte der Disziplin, eine Art Schule für erwachsene Gentlemen. Sondern sie sind Orte der Zusammenkunft, wo Professoren ernannt werden, um Vorlesungen über alle Wissenschaften zu halten.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Beteiligten, den Wissenschaftlern und Organisatoren des Historikertages eine anregende Tagung und gute Diskussionen.

Vielen Dank!