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Lehren aus dem Ersten Weltkrieg

Rede des britischen Botschafters Simon McDonald zum Thema „Zurück in die Zukunft – die deutsch-britischen Beziehungen im 21. Jahrhundert“

This was published under the 2010 to 2015 Conservative and Liberal Democrat coalition government

Botschafter Simon McDonald
Botschafter Simon McDonald

12. Juni 2014, Universität Mannheim

Es gilt das gesprochene Wort!

Meine Damen und Herren!

Es freut mich sehr, heute Abend hier in Mannheim zu sein. Ich bin der Universität dankbar für die Einladung, im Rahmen ihrer Vortragsreihe zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren hier zu sprechen. Ich möchte mich bei Herrn Dr. Burkhardt und Professor von Thadden für den herzlichen Empfang bedanken, und bei Herrn Zinser für die Organisation dieses Abends. Ich weiß, dass in dieser Vortragsreihe schon andere Stimmen zu Wort gekommen sind. Deshalb möchte ich nun die Gelegenheit nutzen und die Ereignisse in Deutschland vor 100 Jahren einmal aus einer britischen Perspektive beleuchten.

Meine Damen und Herren!

In Großbritannien wie in Deutschland beherrscht der Zweite Weltkrieg seit siebzig Jahren unser Bild von der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Zweite Weltkrieg war der mörderischste Konflikt in der Geschichte der Menschheit. Die Geschichtsschreibung wies die Schuld daran eindeutig Hitler-Deutschland zu. Und damit warf der Zweite Weltkrieg seinen düsteren Schatten auch zurück auf den Ersten.

Was den Ersten Weltkrieg angeht, ist die Historiografie weitaus weniger eindeutig. Die berüchtigte Kriegsschuld-Klausel im Friedensvertrag von Versailles zwang Deutschland, die alleinige Schuld an dem Krieg auf sich zu nehmen. Aber schon wenig später gewannen auch andere Meinungen an Akzeptanz. In seiner 1928 publizierten Untersuchung „Origins of the World War“ [die zwei Jahre später unter dem Titel „Der Ursprung des Weltkriegs“ auch auf Deutsch erschien] wies der US-amerikanische Historiker Sidney Bradshaw Fay eine Alleinschuld Deutschlands zurück und verwies statt dessen auf die zugrunde liegenden Ursachen, wie z.B. das System von Bündnissen, das in Europa nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 entstanden war. Fay sagt, es kam zum Ersten Weltkrieg, weil „die politische und militärische Führung in jedem Land bestimmte Dinge tat, die zur Mobilisierung und Kriegserklärung führten, oder bestimmte Dinge unterließ, die das hätten verhindern können.“ Großbritanniens Premierminister Lloyd George, der den Vertrag von Versailles mit unterzeichnet hatte, erklärte später, irgendwie seien alle in den Krieg „hineingeschlittert“, und er beklagte das Unvermögen der Politiker, den Krieg zu verhindern.

Dann aber kam der Zweite Weltkrieg. Der Schatten, den die Gräueltaten der Nazis auf Deutschland warfen, veränderte die Sicht der Historiker: sie waren nun nicht mehr bereit, Deutschland von der Schuld am Ersten Weltkrieg freizusprechen. So lernte meine Generation in Großbritannien dann in der Schule, dass Deutschland den Krieg begonnen hatte. Ein britisches Geschichtsbuch aus den 60er Jahren gibt das Geschehen zusammenfassend wie folgt wieder: „die Österreicher waren entschlossen zum Krieg, und Deutschland unternahm nichts, um sie davon abzuhalten. Auf die russische Mobilisierung folgte die deutsche. Deutschland erklärte Russland und Frankreich den Krieg. Das deutsche Ultimatum an Belgien, das ungehinderten Durchmarsch durch Belgien für die deutschen Truppen verlangte, führte am 4. August 1914 zum Eintritt Großbritanniens in den Krieg.“ In Deutschland machte man sich den Gedanken der deutschen Schuld am Ersten Weltkrieg erst Anfang der 60er Jahre zu eigen, als der Historiker Fritz Fischer mit seinem Buch “Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914-1918“ eine heftige Kontroverse auslöste. Fischer argumentierte, dass Deutschland –ich zitiere: „es im Jahre 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ. Die deutsche Reichsführung trägt einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges“.

Der 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs hat viele Historiker veranlasst, sich noch einmal gründlich und unvoreingenommen mit dem Ersten Weltkrieg zu befassen, und zwar aus der Perspektive des Vorgeschehens, und nicht der Folgeereignisse. Die überraschendste und auch die erfolgreichste dieser neuen Arbeiten, zumindest was die Verkaufszahlen angeht, ist das Buch „Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ des australischen Professors für Neuere Europäische Geschichte Christopher Clark. Ich kenne Clark persönlich und habe die Debatte, die sein Buch in Deutschland ausgelöst hat, mit Interesse verfolgt. Ich habe ihn erst kürzlich in Berlin getroffen, wo er auf Einladung von Außenminister Steinmeier einen Vortrag in der Reihe „1914: Versagen der Diplomatie“ gehalten hat. Die „Schlafwandler“ haben auch mich dazu gebracht, die Dinge noch einmal neu zu betrachten. Clark argumentiert sehr überzeugend, dass Politiker und Diplomaten aller größeren Länder, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren, in ihrer kollektiven Pflicht, das Desaster zu verhindern, versagt haben. Ich zitiere Clark: „Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Wintergarten über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen. In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen wichtigen Akteurs.“

In der entscheidenden Zeit zwischen der Ermordung Franz Ferdinands und dem Ausbruch der Feindseligkeiten gelang es in den europäischen Hauptstädten nicht, die jeweils anderen Seiten zu verstehen. Zwischen den zahlreichen Akteuren auf den unterschiedlichen Ebenen von Regierung und Diplomatie flossen die Informationen zu langsam oder gar nicht. Es war auch nicht klar, wer eigentlich die Entscheidungen traf. Im Juli 1914 stand Großbritannien vor der größten Krise in der Geschichte seiner Diplomatie, aber die Britische Botschaft in Berlin hatte gerade einmal sechs Mitarbeiter. Der britische auswärtige Dienst war seiner Aufgabe einfach nicht gewachsen. Außenminister Sir Edward Grey räumte damals seiner berühmten Rede vor dem Unterhaus ein, dass: „das Geschehen heute in solchem Tempo vorangeht, dass es außerordentlich schwierig ist, den tatsächlichen Stand der Dinge einigermaßen sachlich korrekt wiederzugeben.“

Das fehlende Verständnis für die Interessen und Absichten der anderen Nationen im Jahr 1914 lässt sich an der deutschen Invasion Belgiens gut ablesen. Der Londoner Vertrag von 1839 garantierte die belgische Neutralität. Für die Briten war klar, so der Außenminister: „dass wir bei den Interessen oder Verpflichtungen, die wir hinsichtlich der belgischen Neutralität hatten, keine Zugeständnisse machen konnten.“ Die Neutralität Belgiens war für Großbritannien auch schon deshalb wichtig, weil sie die Kanalhäfen und Handelsrouten sichern half. Auf britischer Seite war klar, dass eine Verletzung der belgischen Neutralität Großbritannien zum Handeln zwingen würde. Am 4. August 1914 teilte der britische Botschafter in Berlin, Edward Goschen, dem Reichsaußenministerium mit, dass Großbritannien: „alle in seiner Macht stehenden Schritte unternehmen muss, um die Neutralität Belgiens zu bewahren.“ Es folgte der Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Aber die Deutschen reagierten überrascht: Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollwegs Ausspruch gegenüber Goschen ist berühmt: er könne nicht glauben, dass Großbritannien für einen „Fetzen Papier“ in den Krieg ziehen wolle. Bethmann Hollweg nahm diese Entgleisung, wie er es nannte, später zurück. Er erklärte: „Englands Interessen verlangten nach seinem Eintritt in den Krieg. Es lag nicht in Englands Interesse, dass Deutschland siegreich und damit gestärkt aus dem Krieg hervorging. (…) England zog das Schwert nur, weil es glaubte, dass seine Interessen dies erforderten. Nur für die belgische Neutralität wäre es niemals in den Krieg eingetreten.“.

Großbritannien handelte tatsächlich aus Sorge vor den Folgen eines deutschen Sieges. Britische Strategen befürchteten, dass Deutschland im Falle einer britischen Nichteinmischung Frankreich und Russland besiegen und damit zur absoluten Vormacht in Europa werden würde, und das wäre gegen die Interessen Großbritanniens gewesen.

Eine Ahnung von den Gefahren, die eine Vormachtstellung Deutschlands bedeutete, hatte Kaiser Wilhelm II. Anfang des Jahrhunderts durch seine Marinepolitik selbst geweckt. Der Tirpitz-Plan bezeichnete Großbritannien als einen Gegner. Für die Briten war der Ausbau der deutschen Flotte mehr als nur eine Bedrohung der eigenen Überlegenheit zur See. Im November 1908 gab Wilhelm dem Daily Telegraph ein berüchtigtes Interview, mit dem er das Misstrauen der Briten gegen den deutschen Flottenbau zerstreuen wollte. Allerdings führte das Interview nur zu einer weiteren Entfremdung, denn der Kaiser behauptete darin, die vorherrschende Empfindung in großen Teilen der mittleren und unteren Schichten in Deutschland sei „England nicht freundlich“. Der Kaiser gewann das Flotten-Wettrüsten nicht - die Royal Navy bewahrte ihre Vorherrschaft. Aber Wilhelm II. hatte damit ein Signal der Bedrohung an das britische Empire gesandt. Damit war der Punkt erreicht, an dem eine Freundschaft, die auf Zusammenarbeit aufbaute, in Wettbewerb umschlagen sollte, und Freunde zu Feinden werden sollten.

Der Erste Weltkrieg wurde zu einem Wendepunkt der Geschichte. Er war mit einer tiefen Zäsur in der britischen Gesellschaft verbunden. Nun entschied nicht mehr die Herkunft, sondern die Leistung eines Menschen über seinen Aufstieg. Es entstanden staatlich geförderte Schulen, die Kindern aus breiteren gesellschaftlichen Schichten die Chance auf eine höhere Schulbildung eröffneten. Und das allgemeine Wahlrecht wurde eingeführt. Das „Representation of the People Act“, also das Volksvertretungs-Gesetz von 1918, gewährte allen Männern über 21 Jahre und Frauen über 30 Jahre das Stimmrecht, sofern die Frau selbst einem Haushalt vorstanden, Ehefrau eines Haushaltsvorstands oder Eigentümerin eines Vermögens im Wert von mehr als 5 Pfund war [das entspräche heute rund 162 Pfund oder 200 Euro] oder einen Universitätsabschluss besaß. Es dauerte dann auch nur noch zehn Jahre, bis diese Ungleichbehandlung von Männern und Frauen 1928 mit dem „Equal Franchise Act“ ganz ausgeräumt wurde. Die damaligen Zeitgenossen sahen die zwei Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg natürlich als „Nachkriegszeit“ an, nicht als eine Zeit zwischen den Kriegen, als die wir sie heute rückblickend sehen. Es ist wichtig, dass wir uns klarmachen, dass die Menschen 1918 glaubten, ihnen stünden alle Möglichkeiten offen.

Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte das britische Empire seine größte territoriale Ausdehnung, da mit dem Vertrag von Versailles deutsche und türkische Gebiete an Großbritannien und Frankreich abgetreten wurden. Gleichzeitig aber stand das Empire an der Schwelle zum wirtschaftlichen und politischen Niedergang. Der Erste Weltkrieg war der Anfang vom Ende des Empires. In Irland und Indien zeigten sich die ersten Risse. Die USA waren schon zur wirtschaftlich stärksten Industriemacht aufgestiegen. Indem Großbritannien dazu beitrug, Deutschland im Ersten Weltkrieg zu besiegen, entschied es sich (unwissentlich) für die USA, und nicht Deutschland, als die kommende Weltmacht. Von 1919 an lebten wir in einem amerikanischen Jahrhundert.

„Look back, think forward“ lautete das Motto des HistoryCampus, der im vergangenen Monat hier in Berlin stattfand. Vierhundert junge Menschen aus über vierzig europäischen Ländern kamen für eine Woche zusammen, um darüber zu diskutieren, was der Erste Weltkrieg für ihre Generation bedeutet. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte in ihrem Grußwort zur Eröffnung des Campus deutlich, wie wichtig es ist, die Lehren aus der Geschichte zu beherzigen. Wörtlich sagte sie: „ Wir erleben auch heute, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Umso bedenklicher ist es, was derzeit in der Ukraine passiert. Das verstößt gegen die Lehren aus der europäischen Geschichte.”

Was sind nun die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg? Es ist die wichtige Aufgabe von Historikern, die Ursachen des Kriegsausbruchs zu erörtern – was sie auch, gerade in diesem Jahr, tun. Unsere Aufgabe, also die von Politikern und Diplomaten, ist es jedoch, die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wir mögen unterschiedliche nationale Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg haben, aber bei den wichtigsten Lehren sind wir uns einig: dieser Krieg zeigt, wie schnell aus Freunden Feinde werden können.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren Großbritannien und Deutschland noch enge Partner. Zwischen unseren Königshäusern, Militärs, Handelsleuten und Gesellschaften bestanden seit Jahrhunderten enge Verbindungen. Meine Vorgänger als britische Botschafter in Berlin konnten sich vor 1914 nicht vorstellen, wenig später im Krieg zu sein.

Ich habe vorhin zum Beispiel das Flotten-Wettrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien erwähnt. Auf deutscher Seite wird dies oft mit Alfred von Tirpitz, dem späteren Leiter des deutschen Marineamtes verbunden. Aber während seines Aufstiegs in der kaiserlichen Marine Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren Großbritannien und Deutschland noch enge Partner. Queen Victoria war die Großmutter von Kaiser Wilhelm dem Zweiten.

Unser König Georg V. war ein direkter Vetter Kaiser Wilhelms. Die preußische Marine und die Royal Navy arbeiteten gut zusammen. Deutsche Schiffe fuhren regelmäßig britische Häfen an. Tirpitz selbst schwärmte von den britischen Häfen und sprach fließend Englisch. Und doch befanden sich unsere beiden Länder wenig später im Krieg.

Ich will deshalb heute zwei zentrale Feststellungen treffen, die miteinander zusammenhängen.

Erstens: Die furchtbaren Ereignisse zwischen 1914 und 45 lassen leider oft vergessen, dass Großbritannien und Deutschland eine lange gemeinsame Geschichte haben, die mehr als tausend Jahre zurückreicht. Den größten Teil dieser Zeit hatten unsere beiden Länder eine äußerst positive Wirkung aufeinander.

Ein Beispiel: letzte Woche haben wir unsere traditionelle Gartenparty der Botschaft, die jedes Jahr den offiziellen Geburtstag der Queen feiert, von Berlin nach Hannover verlegt. Dieser große Empfang war dieses Jahr nämlich Teil der Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag der Personalunion, die für 123 Jahre das Königreich Großbritannien und das Haus Hannover verband und uns fünf britische Könige aus dem Haus Hannover brachte.

Die Personalunion war eine Periode des besonders intensiven politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Austauschs zwischen Großbritannien und Deutschland. Das Georgianische Zeitalter, das nach vier Königen der Personalunion benannt ist, war von größter Bedeutung für die wirtschaftliche und politische Entwicklung Großbritanniens. Es reichte von der Industriellen Revolution bis hin zum britischen Weltreich, dem Empire. Prinz Andrew besuchte letzte Woche für zwei Tage Niedersachsen, um die damaligen und heutigen Verbindungen zu würdigen.

Aber auch in Bildung, Wissenschaft, Kultur und Industrie hatten wir eine lange gemeinsame Geschichte, an die wir nach den Weltkriegen wieder angeknüpft haben.

Beispiel Wissenschaft: eine der wichtigsten intellektuellen Debatten des achtzehnten Jahrhunderts fand zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und dem britischen Philosophen Samuel Clarke statt. Auf den Inhalt dieser Debatte will ich nicht näher eingehen, weil ich mich damit wahrscheinlich vor anwesenden Experten und Philosophen blamieren würde. Ich will nur sagen, dass Leibniz und Clarke unterschiedliche Auffassungen von Raum und Zeit diskutierten. Ihr Briefwechsel steht für den intensiven akademischen Austausch zwischen Großbritannien und Deutschland, der nach den Weltkriegen fortgeführt wurde.

Beispiel Industrie: die deutsch-britische Dimension der Industrialisierung wird durch Sir William Siemens verkörpert, den Bruder des Siemens-Gründers Werner. Der Deutsch-Brite Sir William baute das Unternehmen in Großbritannien auf, war für die erste große Verlegung von Tiefseekabeln nach Amerika verantwortlich und wurde zu einem der bedeutendsten Erfinder und einer Leitfigur der Industrialisierung. Heute ist das Unternehmen in Großbritannien einer unserer wichtigsten Partner, der mehr als 13.000 Menschen beschäftigt.

Damit komme ich zu meiner zweiten wichtigen Feststellung. Dass wir trotz all dieser Verbindungen über die Jahrhunderte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Krieg waren, zeigt, wie schnell Probleme und Missverständnisse eskalieren können. Wir müssen wachsam sein. Ein wunderbares Buch, das ich dazu gelesen habe, ist „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies. Es beschreibt das blühende und lebhafte gesellschaftliche und kulturelle Leben in Europa ein Jahr vor dem Weltkrieg, als niemand den Krieg und das Leiden ahnen konnte.

Wir dürfen nicht selbstgefällig werden, auch wenn uns Krieg in Westeuropa heute unvorstellbar scheint. Wir müssen an unserer Freundschaft und Partnerschaft arbeiten und die Erinnerung an die Ereignisse von damals wach halten – und zwar bei der heutigen ebenso wie bei künftigen Generationen.

Meine Damen und Herren!

Wie Sie aus dem Titel meines Vortrags vielleicht schon erraten haben, bin ich auch ein Kino-Fan. „Zurück in die Zukunft“ habe ich aber nicht gewählt, um den Bau einer Zeitmaschine zu propagieren, die uns ins Jahr 1914 zurückversetzt, damit wir die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo verhindern können. Mit diesem Titel möchte ich vielmehr meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass Großbritanniens Verhältnis zu Deutschland und dem übrigen Europa im 21. Jahrhundert eher den Geist des 18. und 19. Jahrhunderts widerspiegeln wird, verbunden allerdings mit den Vorzügen moderner Technologie und Kommunikation.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war es nämlich möglich, wie heute ohne Pass quer durch ganz Europa zu reisen – vom Westen Irlands bis an die Grenzen Russlands. Allerdings konnten sich das damals nur sehr wenige leisten. Heute machen es viele: Pro Jahr reisen fast drei Millionen Deutsche nach Großbritannien, und zweieinhalb Millionen Briten besuchen Deutschland. Nach Berlin kommen mehr Briten als Bürger irgendeiner anderen Nation. Hinzu kommen die Begegnungen in Kunst und Wissenschaft, Theater und Forschung, Schule und Universität. Und natürlich im Fußball - vielleicht gibt es ja auch in Brasilien eine Neuauflage des Klassikers Deutschland gegen England!

Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts konnten Probleme und Missverständnisse zwischen den politischen Eliten Europas schnell eskalieren und auf andere Länder übergreifen. Ich behaupte, dass dies in der heutigen Zeit nicht mehr so leicht möglich wäre. Das hat viele Gründe: Die große Zahl an Menschen, die heute an Entscheidungen beteiligt ist und Mitspracherechte genießt. Die politischen Strukturen zur Streitschlichtung, die wir in Europa aufgebaut haben. Der Handel, der allein zwischen Großbritannien und Deutschland so umfangreich ist wie nie zuvor und unseren beiden Ländern Wohlstand bringt. Die neuen Technologien, die unsere Gesellschaften offener und inklusiver machen.

Meine Damen und Herren!

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie ist unser bester Lehrer, sowohl in vertrauten Situationen wie auch bei neuen Herausforderungen. Wir gedenken heute zwar des Ersten Weltkriegs, haben aber auch anderes im Kopf: das vertraute Thema der Rolle Großbritanniens in Europa und die neue Herausforderung, uns auf einen Kommissionspräsidenten zu einigen.

Der Hintergrund ist Ihnen bekannt: Europa braucht eine neue Kommission, weil das fünfjährige Mandat der zweiten Barroso-Kommission Ende dieses Jahres ausläuft. Nach dem Lissabonner Vertrag müssen die Regierungschefs das Ergebnis der jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament berücksichtigen, wenn sie einen Kommissions-Präsidenten vorschlagen, der dann vom Parlament mit einfacher Mehrheit bestätigt werden muss. Die Europäische Volkspartei hat mit 214 von 751 Sitzen europaweit am besten abgeschnitten. Jean-Claude Juncker war der Spitzenkandidat der EVP, deshalb sind seine Gefolgsleute der Auffassung, dass er Präsident werden müsse. Großbritannien ist da anderer Meinung. In den beiden vergangenen Wochen haben Teile der deutschen Medien dies dargestellt, als stehe Großbritannien gegen die Demokratie. Kein Wunder also, dass laut einer Meinungsumfrage letzte Woche 55% der Deutschen fanden, dass Juncker Präsident werden sollte, selbst wenn Großbritannien dann mit dem Austritt aus der EU drohe.

Ich bin allerdings der Meinung, dass die deutschen Medien die Fakten verzerrt darstellen. Lassen Sie mich erklären warum. Die politischen Vordenker diskutieren seit Hunderten von Jahren darüber, was die wesentlichen Bestandteile der Demokratie sind. Für mich sind es zwei: die Achtung der vereinbarten Regeln und eine engagierte Wählerschaft.

In unserem Fall sind die Regeln klar. Der Lissabonner Vertrag hat das Vorschlagsrecht für den Kommissionspräsidenten eindeutig dem Europäischen Rat übertragen. Der Vertrag besagt auch, dass die Regierungschefs das Ergebnis der Wahlen zum Europäischen Parlament berücksichtigen müssen, aber von Spitzenkandidaten ist im Vertrag keine Rede. Das Spitzenkandidaten-Konzept wurde zwar diskutiert, dann aber abgelehnt. Insofern ist das, was wir gerade erleben, ein Versuch der Machtanmaßung durch das Europäische Parlament. Manche Leute beschweren sich, den deutschen Wählern sei versprochen worden, dass einer der Spitzenkandidaten das Amt bekommen würde. Die größte Zugkraft hatte dieses Konzept hier in Deutschland – einer der Kandidaten ist Deutscher, der andere spricht zumindest Deutsch. Aber selbst hier wussten nur 7% der Wähler, dass Juncker der Spitzenkandidat der EVP ist. Noch viel wichtiger aber finde ich die Tatsache, dass in 28 Ländern gewählt wurde, nicht allein in Deutschland. Martin Schulz stand nur in Deutschland auf dem Wahlzettel. In ein paar anderen Mitgliedstaaten haben Juncker und Schulz Wahlkampfauftritte organisiert und eine öffentliche Debatte angeregt, aber das waren nur wenige. Nach Großbritannien zum Beispiel sind sie nicht gekommen. Im größten Teil Europas war das Konzept der Spitzenkandidaten gar nicht bekannt, und damit ist es unrechtmäßig.

Eine Demokratie braucht auch eine engagierte Wählerschaft. Hier gestaltet sich die Argumentation etwas schwieriger. Man könnte ja auch sagen, wenn jemand sich entscheidet, nicht wählen zu gehen, dann ist er selbst schuld und muss die Konsequenzen tragen. Aber auch 35 Jahre nach den ersten direkten Wahlen zum Europäischen Parlament ist es für die europäischen Wähler immer noch viel weiter weg als die nationalen Parlamente. Die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen macht gerade einmal 43% aus, verglichen mit rund 70% bei den Wahlen zu den nationalen Parlamenten.

Die Leute fragen mich, warum der britische Premierminister so einen Aufstand macht – wenn doch die meisten seiner Kollegen, darunter auch Frau Merkel, und das Europäische Parlament den EVP-Kandidaten akzeptieren würden. Nun, eines der Hauptprobleme zwischen Großbritannien und Europa ist derzeit die Frage der Legitimation. Premierminister Cameron bereitet sich auf Neuverhandlungen mit Brüssel und ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU vor, das 2017 stattfinden wird. Dafür braucht er an der Spitze der Kommission jetzt einen Partner, der dabei helfen kann, eine Reformagenda umzusetzen. Nach 18 Jahren als Premierminister von Luxemburg eilt Herrn Juncker jedoch der Ruf voraus, eher ein Verfechter der Integration als ein Reformer zu sein.

Diese Woche ist der britische Premierminister mit der Bundeskanzlerin und den Premierministern Schwedens und der Niederlande zusammengetroffen. Die vier haben weiter über das Arbeitsprogramm der nächsten Kommission und auch darüber gesprochen, wie die Top-Jobs in der EU besetzt werden sollten. Die Vier wissen genau, dass es jetzt darauf ankommt, eine einvernehmliche Lösung zu erreichen. Und mit etwas gutem Willen lässt sich auch ein Kompromiss finden, der den wesentlichen Interessen aller Seiten gerecht wird. Wenn unsere Regierungschefs jetzt weiter auf eine Einigung hinarbeiten, werden ihnen die Ereignisse aus einhundert Jahren Geschichte durch den Kopf gehen. Krieg ist heute in Westeuropa unmöglich geworden. Ein Auseinanderbrechen aber nicht.

Anders als 1914 hat sich das moderne Europa für Frieden und Wohlstand entschieden. Meine Aufgabe als Diplomat und Repräsentant der britischen Regierung ist es, dazu beizutragen, dass das so bleibt. Denn Europa ist unsere Zukunft. In diesen Tagen wird wieder einmal spürbar, dass unsere beiden Länder unterschiedliche Positionen zu Europa einnehmen. Aber unsere gemeinsame Geschichte und unsere gemeinsamen Werte geben mir die Hoffnung, dass wir es schaffen werden, diese unterschiedlichen Ansätze miteinander in Einklang zu bringen.

Wenn die Geschichte uns eines lehrt, dann dies: Wir dürfen den Erfolg Europas nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Vielen Dank.

Published 13 Juni 2014